Muse

2015 – Sony Music

 

  

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Muse

Eine Story zu erzählen, ist eine Sache, sie überzeugend zu gestalten und damit beim Empfänger etwas auszulösen, eine andere. Denn die beste Geschichte erzählt sich nicht von selbst. Angesichts rasant zunehmenden Multitaskings und sinkender Konzentration des Einzelnen braucht es Charisma, Glaubwürdigkeit und narratives Feingefühl, um die Fäden einer Geschichte so zu einem Tuch zu verweben, dass der Hörer sich davon gern und immer wieder einwickeln lässt.

Das Motto „Muse“ ist die spiegelverkehrte Annäherung an eines der ältesten Themen der Kunstgeschichte. Musen dienten Künstlern seit Jahrhunderten als Inspiration für deren Kreativität. Vergrößern wir den Zoom, steht die Muse plötzlich als Quellnymphe am Anfang jeglicher Kreativität. Doch Lyambiko richtet ihr Augenmerk nicht auf den Anfang, sondern auf die nähere Vergangenheit und deren Perspektiven.

Die Songs des Albums stammen ausschließlich von Frauen. Dabei geht es weder um einen Quotennachweis noch um die Frage, ob Frauen anders komponieren als die männlichen Kollegen. „Muse“ ist mehr aus einem Bedürfnis nach Empathie entstanden. Die Frauen, deren Originale hier zum Besten gegeben werden, haben ihre Songs unter ganz unterschiedlichen Bedingungen, teilweise gegen höchst unterschiedliche Widerstände geschrieben. Auf diesem Album werden sie nun zu einer eigenen Geschichte geformt, nicht mehr und nicht weniger.

Allein die Namen der Musen erzählen eine Story für sich. Jutta Hipp, die Leipziger Pianistin, die Anfang der fünfziger Jahre in Amerika als Europas „First Lady in Jazz“ galt, bevor sie in der damaligen Männerwelt des Jazz die Waffen streckte und sich dem Textil Design verschrieb. Stevie Nicks, Frontfrau der unvergleichlich erfolgreichen Pop-Band Fleetwood Mac. Aki Takase und Julia Hülsmann, zwei Pianistinnen, die maßgeblich die Berliner Jazz-Szene geprägt haben. Abbey Lincoln, die an der Seite von Max Roach die amerikanische Bürgerrechtsbewegung begleitete, bevor sie zu einer großen Balladeninterpretin wurde. Erykah Badu, Jill Scott, Ann Ronell, Bernice Petkere, Consuelo Velazquez, Fumi Udo und Kay West sind weitere Songpoetinnen, auf deren Vorlagen die Sängerin hier ebenso lustvoll wie behutsam zurückgreift. Last not least eine Nummer von Lyambiko selbst.

Ohne sein männliches Pendant wäre das Feminine allerdings nur halb so schön. Power-Macho Charles Mingus schrieb „Goodbye Pork Pie Hat“, als er 1959 vom Tod Lester Youngs erfuhr. Die Intensität, mit der Joni Mitchell das Instrumental 20 Jahre später zu einem eigenen Song gemacht hat, gab Lyambiko die Richtung ihrer eigenen Liederreise zu den Quellen der Lebensvielfalt vor.

Wolf Kampmann

 

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